Die Trompete singt, spricht, ruft, schreit, stöhnt, heult und lacht
Trompeter Marco Blaauw über „Michaels Reise um die Erde“ von Stockhausen und seine besondere Rolle darin
„Michaels Reise um die Erde“ könnte man als Trompetenkonzert bezeichnen – welche Rolle spielen Sie und Ihr Instrument in diesem Werk?
Als Trompeter verkörpere ich „Michael“, eine der drei Hauptfiguren im Opernzylus „Licht“ von Karlheinz Stockhausen. Und „Michaels Reise um die Erde“ ist viel mehr als ein Trompetenkonzert: es handelt sich hier um den zweiten Akt aus „Donnerstag aus Licht“, ein Musiktheater mit einem Instrumentalisten als Hauptdarsteller. Vielleicht ist dies das erste Mal in der Operngeschichte, dass ein Instrumentalist als Hauptdarsteller auf der Bühne agiert. Die Figur des „Michael“ ist schwer in Worte zu fassen; er ist ein außerirdisches Wesen, ein Engel, göttlich, himmlisch. Seine Identität stellt sich in der Oper rein musikalisch dar. Nach einem Intro – hier ist bereits eine kleine Auseinandersetzung zwischen „Michael“ und seinem Kontrahenten „Luzifer“ zu hören – stellt sich „Michael“ mit einer kurzen Melodie vor, der „Michaelsformel“. An dieser wiederkehrenden Melodie wird der Zuhörer danach alle Erscheinungen der Figur des „Michael“ erkennen. Aber auch visuell ist „Michael“ deutlich gezeichnet: Stockhausen lässt ihn stets mit der Farbe Blau erscheinen. Durch meinen Nachnamen „Blaauw“ habe ich daher schon eine ganz natürliche Beziehung zu Stockhausens „Michael“. Aber abgesehen davon fühle ich mich auch leidenschaftlich mit dieser Musik und allem, was „Michael“ darstellt, verbunden. Es ist jedes Mal eine große Herausforderung und gleichzeitig eine enorme Freude für mich, „Michael“ mit meiner Trompete, auswendig spielend und auf der Bühne agierend, darzustellen.
Was ist zunächst einmal grundsätzlich die Besonderheit Ihres Instrumentes, auch in der Verwendung in der zeitgenössischen Musik und in welcher Weise geht Stockhausen damit um?
Die Tonerzeugung der Trompete kommt durch die Vibration der Lippen zustande. Neben dem Instrument ist mein Körper der Resonanzraum, was dem Singen sehr nahekommt. Trompetenartige Instrumente gibt es schon seit ältester Zeit; die archaische Trompete war in vielen Kulturen der Welt eine Verstärkung der Stimme: in Ritualen, Zeremonien, im Militär oder als Botschafter für Könige. Die Trompete ist ein Instrument, das kommuniziert, wo die menschliche Stimme nicht mehr hinreicht: zwischen Menschen über großer Distanzen hinweg, zwischen Mensch und Geist oder Mensch und Gott.
Im Zeitalter des Barock entwickelte sich das Instrument zu einem wichtigen Orchester- und Soloinstrument. Diese Rolle ging in der Klassik und Romantik verloren. Vielleicht durch das Verschwinden der Zünfte oder weil sich das Instrument durch die Erfindung der Ventile in unterschiedlichsten Entwicklungsstadien befand. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert wurde die Trompete als Soloinstrument wiederentdeckt. Karlheinz Stockhausen spielte dabei eine sehr wichtige Rolle: Die Solopartie in „Michaels Reise um die Erde“ hat er in enger Zusammenarbeit mit seinem Sohn, dem Trompeter Markus Stockhausen, komponiert. Durch diese enge Beziehung zwischen Komponist und Trompeter konnten viele Klänge und Spieltechniken bis ins kleinste Detail erforscht und erprobt werden. Das Instrument an sich ist tatsächlich eine ganz normale B-Trompete – ein Instrument, das jeder Anfänger als erstes spielt. Aber die vielen neuen Spieltechniken, die extrem tiefe und hohe Lage und die Verwendung von sieben verschiedenen Dämpfern machen dieses Werk hochvirtuos. Noch nie zuvor klang die Trompete so vielseitig und expressiv. Sie singt, spricht, ruft, schreit, stöhnt, heult und lacht und kommt damit der menschlichen Stimme sehr nahe. Diese Anwendung der Trompete und die Notation all dieser Techniken und Klangfarben waren damals neu und richtungsweisend für die Entwicklung der Trompete. Lange Zeit konnte diese Partie nur von Markus Stockhausen gespielt werden. Seitdem ich dieses Werk zum ersten Mal hörte – 1989 – träumte ich davon, diese Musik eines Tages selbst aufzuführen. Über die Jahre konnte ich immer wieder kleine Szenen auf die Bühne bringen. Im Januar 2008 habe ich dann „Michaels Reise um die Erde“ zum ersten Mal im Ganzen aufgeführt.
Auf den Bildern sehe ich Sie verkabelt und von elektronischem Apparat umgeben. Können Sie beschreiben, was da genau „mit Ihnen“ und Ihrem Instrument passiert, aber auch welche Herausforderung das für Sie bedeutet?
Die Trompete wird verstärkt. In Pop-, Jazz- und Rockmusik ist das sehr üblich. Die Verstärkung ist eine Erweiterung des Trompetenklangs. Der Ton wird von einem Mikrofon am Instrument abgenommen und über sechs Lautsprechergruppen in den Saal verstärkt. Dabei wird die Trompete aber nicht elektronisch verfremdet. Technisch gesehen könnte man die Partie auch akustisch spielen. Ziel ist auch nicht unbedingt die Trompete lauter klingen zu lassen, sondern dem Klang eine größere Aura zu geben und ihn durch den Raum bewegen zu lassen. Diese klangliche Raumbewegung ist ein wichtiger Teil der Komposition und trägt maßgeblich zum Format des Musiktheaters bei. Zum Beispiel hören wir ganz zum Schluss des Werks, wie der Klang über uns im Raum rotiert und sich immer weiter entfernt. Gleichzeitig wird es auf der Bühne immer dunkler und schließlich ist die Heimreise von „Michael“ und „Eva“ ins All nicht mehr sichtbar, sondern nur noch hörbar.
Auf welche Reise konkret begeben Sie sich in diesem Werk, aber auch auf welche Reise musikalisch?
„Michaels Reise um die Erde“ wurde als erstes Werk aus dem Opernzyklus „Licht“ komponiert. Es ist damit auch ein Auftakt, man könnte fast sagen eine Ouvertüre, zum gesamten Zyklus. In der ersten Hälfte reist der Trompeter „Michael“ in sieben Stationen um die Welt. Er begegnet an jeder Station „Eva“ und „Luzifer“, den zwei weiteren Protagonisten in „Licht“. Die hier aufgeführten Stationen geben einen Eindruck in die sieben Opern von „Licht“: Erste Station ist Köln (Oper „Montag“), zweite Station New York (Oper „Dienstag“), dritte Station ist Japan (Oper „Mittwoch“), vierte Station Indonesien (Oper „Donnerstag“), fünfte Station Indien (Oper „Freitag“), sechste Station Afrika (Oper „Samstag“) und die siebte Station schließlich Jerusalem (Oper „Sonntag“). Während die Reise studiert ‚Michael’ auch die Menschen und die Herausforderungen des sterblichen Lebens. Erfüllt von Neugierde lernt die Menschen und das Menschliche kennen und freut sich daran. Nach der sechsten Station hört „Michael“ ein Signal, gespielt von ein Bassethorn, das Rufen der „Eva“. Er weist nicht wo die Rufe herkommen und antwortet vergelblich. Er ruft ‚Zurück’ um in die andere Richtung weiter zu reisen und kommt an der siebte Station Jerusalem an. Da hört er wieder Eva’s Rufen. Mit einem „Halt“ steigt „Michael“ auf die Erde herab und begibt sich auf die Suche. Es folgt ein Duo mit Kontrabass, eine Begegnung, in der „Michael“ Freundschaft erfährt. Danach wiederholt das Rufen: diesmal erscheint „Eva“ auf der Bühne und verführt ihn zu einem Duett. Hier lernt „Michael“ Humor, Spiel, Erotik, Verlangen und sogar Liebe kennen. Danach lockt „Eva“ „Michael“ zurück in seine Heimat: einen Ort weit entfernt von diese Erde.
Am 18.und 19. September spielen wir eine quasi-konzertante Fassung von „Michaels Reise um die Erde“. Es wird keine Inszenierung, kein Bühnenbild, keine Beleuchtung und kein Make-Up geben. Aber ganz ohne Theater wird es nicht gehen. Denn die Partitur ist voll szenischer Anweisungen und wir können in der Komposition (Melodie, Harmonie und Polyphonie) genau verfolgen wie es „Michael“ auf seiner Reise und in seinen Begegnungen mit „Eva“ und „Luzifer“ ergeht. Die Musik ist Theater. Die Solostimmen sind Akteure und können nicht auf der Bühne sitzend und aus Noten gespielt aufgeführt werden wie in einem klassischen Konzert. So werden wir für diese quasi-konzertante Fassung beim Musikfest Berlin mit Alain Louafi (Choreografie) und mit Florence von Gerkan (Kostüme) zusammenarbeiten. Ich freue mich sehr auf diese Zusammenarbeit und auf zwei spannende Aufführungen dieses wunderbaren Werks von Karlheinz Stockhausen.